15. Die Braut

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„Oh was für schönes Haar du hast“, seufzte Birna, während sie den Kamm durch Hervörs blonde Haare gleiten ließ. „Was für eine schöne Braut du abgeben wirst. Ach aber wie traurig, dass du nie eine Tochter haben wirst mit ebenso schönem Haar.“

„Fängst du wieder damit an?“

„Ich sag ja nur.“ Birna seufzte abermals. Dann legte sie den Kamm beiseite. „So, wir sind soweit.“

Grete, die beim Feuer gestanden und gedankenverloren mit einem ihrer Zöpfe gespielt hatte, trat herbei. Die Ahnen allein wussten, was manchmal in ihrem Kopf vorging. Hervör betrachtete das schmächtige Mädchen. Noch ein halbes Kind. Und doch nur wenige Winter jünger als sie, rief sie sich sogleich ins Gedächtnis.

Es war leicht, die eigene Jugend zu vergessen. Sie fühlte sich älter, als sie war. Schon seit Vaters Tod fühlte sie sich so. Aber heute mehr denn je. Am Ende dieses Tages würde sie keine Jungfer mehr sein. Da kam ihr der Abstand zwischen ihr und Grete mit einem Mal weit vor wie eine der tiefen Schluchten, die ihr Land durchzogen.

Dabei war es doch gerade die verträumte Grete, die mitunter älter zu sein schien als sie alle.

So auch jetzt, als sie gemeinsam mit Birna begann, Ripperzähne und Wolfsklauen in Hervörs Haar zu flechten. „Sie hat ihren Weg gewählt“, erinnerte sie Birna bestimmt. „Und es ist ein ehrbarer Weg. Sie macht ihren Ahnen keine Schande mit dieser Hochzeit.“ Und versonnen, als spräche sie halb zu sich selbst, fügte sie, während sie Hervörs Haare zu einem Zopf übereinanderlegte, hinzu: „Ich glaube sogar, es wird Großes aus dieser Ehe hervorgehen.“

Birna hielt kurz inne in ihrer eigenen Arbeit und musterte das Mädchen. „Manchmal redest du fast wie die Gydja.“

Mit einem Knarren wurde die Tür der Hütte geöffnet. Ylva und Ingrid traten begleitet von einem kalten Luftzug herein und schlossen die Türe sofort wieder. Beide hatten zuvor geholfen, Hervör zu baden. In einem großen Zuber hatten sie sie von Kopf bis Fuß abgeschrubbt, bis Hervör sich sicher war, ihre Haut müsste nun weißer sein und mehr glänzen als der frisch gefallene Schnee im Licht der Morgensonne. Das Wasser war mit allerhand duftenden Kräutern versetzt gewesen, nach denen nun ihre Haut und ihr Haar rochen. Dann aber waren die zwei Frauen verschwunden, um sich umzuziehen. Nun trugen sie Ketten von Bernstein und ihre besten Pelze.

Aber keine von ihnen war so schön gekleidet wie Hervör selbst, die in einen Mantel von silbrigem Schattenläuferhaar gehüllt war.

Ingrid schlug verzückt die Hände zusammen, als sie Hervör auf dem Schemel vor sich sitzen sah. „Was für eine schöne Braut!“

„Wenn sie nur einen Mann nähme, der ihre Schönheit schätzen könnte“, konnte Birna sich nicht verkneifen.

„Oh genug von deinen Klagen!“, stieß Ylva aus und gab Birna einen sachten Klaps auf die Hand. „Man könnte meinen, sie wäre die erste in unseren Tagen, die diesen Weg beschreitet.“

Birna lachte bitter auf. „Die erste? Wenn es so wäre! Wahrscheinlich waren es seit den Tagen von Baldar nicht so viele zur gleichen Zeit!“

„Es waren auch seit den Tagen von Baldar nicht so viele Orks in unserem Land“, erinnerte Hervör sie. „Es sind seit den Tagen von Baldar nicht so viele Väter und Brüder und Ehemänner erschlagen worden.“

Birna seufzte schwer. „Du hast Recht. Sollten sie je meinen Mann erschlagen, vielleicht würde ich dann noch einmal heiraten und denselben Pfad beschreiten wie du. Aber bei Gor und allen Ahnen, was sind das für Zeiten, wenn die schönsten Jungfern reihenweise keine Männer mehr freien und so jung sterben müssen?“

„Meine Schwester ist im Kindbett gestorben“, erinnerte Hervör.

Und Grete setzte bekräftigend hinzu: „Wir alle können jung sterben. Die Frauen, indem sie Leben geben, die Männer, indem sie Leben nehmen.“

„Ich habe heute Morgen um Stärke gebetet.“ Hervör drehte den Kopf, um die schräg hinter ihr stehende Birna anblicken zu können. Entschlossenheit lag in ihren Augen. „Gor wird mir die Stärke geben, die ich brauche. Und wenn ich sterbe, wird es ein ehrenvoller Tod sein.“

Ingrid trat mit einer Holzschale an sie heran, in der sich zerstoßene Schnapsbeeren befanden. Sie tunkte einen Finger in die Paste und begann dann, Linien und Punkte auf Hervörs Gesicht zu zeichnen. Ylva ergriff eine ihrer Hände und tat mit dieser dasselbe.

Als Ursula zu den fünf Frauen hereintrat, waren sie gerade fertig. Nur der Kranz von Heilpflanzen fehlte noch. Und den setzte dem Brauch gemäß die Mutter der Braut ihrer Tochter auf. Einen Augenblick betrachtete sie Hervör stumm, die nun angetan war, wie es sich für eine Braut gehörte: Die mit blitzenden weißen Zähnen und Klauen durchsetzten Zöpfe fielen ihr auf die mit samtenem Schattenläuferhaar verhüllten Schultern. Eine bronzene Fibel in Form eines Hammers hielt ihren Mantel unterhalb ihres Halses zusammen. Rote Bemalung zierte ihre Wangen, Stirn und Handrücken. Bernsteinohrringe rahmten ihr Gesicht ein.

„Du bist eine herrliche Braut“, raunte Ursula und küsste Hervör auf die Stirn, ehe sie sie mit Heilpflanzen bekränzte. „Ich wünschte, dein Vater könnte dich an diesem Tag sehen.“

„Wäre er hier, würde ich heute nicht heiraten.“

„Er wäre stolz auf dich, dass du es tust. Du machst ihm und all deinen Ahnen Ehre.“

Mit diesen Worten nahm ihre Mutter sie bei der Hand und führte sie hinaus.

Es war einer jener Tage, an denen der Himmel über Nordmar selbst aus Eis zu bestehen schien. Er war nicht wie so oft von schweren grauen Wolken verhangen, sondern von einem klaren, hellen Blau. Aber gerade diese Tage waren die kältesten. Die Luft brannte auf Hervörs Wangen, nachdem das Feuer in der Hütte sie unter ihrem Schattenläuferpelz hatte schwitzen lassen.

„Heute ist ein guter Tag für eine Hochzeit“, ermutigte Ingrid sie, die hinter ihr einherschritt.

Hervör hatte manche bange Nacht hinter sich. Eine Zeitlang hatte sie noch mit sich gehadert. Hatte daran gedacht, was diese Hochzeit heißen würde. Wovon sie Abschied nahm, vielleicht auf immer: Dass sie mit keinem Mann das Lager teilen, dass sie keine Kinder in die Welt bringen würde. Aber das Grübeln und Zagen lag hinter ihr. Heute war sie von einer tiefen Ruhe bestimmt. Ihre Entscheidung war längst gefallen. Nun würde sie den Pfad, den sie gewählt hatte, festen Schrittes und ohne Wanken beschreiten.

Der Dorfplatz war voll. Fast der ganze Clan hatte sich versammelt. Nur die Krieger und Orktöter, die vor der Mine und an der Brücke Wache hielten, konnten ihrer Hochzeit nicht beiwohnen.

Als sie nähertrat, Hand in Hand mit ihrer Mutter, verstummte die Menge und bildete eine Schneise. Die Männer standen auf der einen Seite, die Frauen auf der anderen. Hervör streifte sie alle nur kurz mit ihrem Blick. Diese wohlbekannten Gesichter, unter denen sie aufgewachsen war. Ihr aller Augen waren nun auf sie gerichtet. Aber sie selbst schaute nun starr nach vorn.

Dort stand Liv in ihrem weißen Pelz, gestützt auf ihren knorrigen Stab. „Wen bringst du mir da?“, rief sie Ursula den rituellen Gruß entgegen.

„Hervör Tochter von Angantyr. Sie kommt, sich zu vermählen.“

Ein letztes Mal drückte Ursula ihr die Hand, dann ließ sie ihre Tochter los und trat zur Seite unter die Gruppe der Frauen.

Hervör schritt allein voran, bis sie vor der Gydja stand. Auf einem Holzblock an ihrer Seite lag ihres Vaters Axt. Hervör ergriff sie und reckte sie der Gydja entgegen. „Dies sei mein Gemahl.“

Liv schaute sie ernst an mit ihren Augen, die das Erz im Innern des Berges und den Willen der Ahnen in den Runen erblicken konnten. „Wer Leben gibt, soll es nicht nehmen. Und wer Leben nimmt, kann es nicht geben. Alle Menschen müssen bluten. Die einen bluten mit dem Mond, die anderen in der Schlacht. Willst auch du in der Schlacht dein Blut vergießen? Willst du den Weg der Krieger beschreiten?“

„Das will ich. Für die Ehre meiner Ahnen und den Schutz meines Clans.“

„So willst du diese Axt zum Manne nehmen? Willst dich mit Erz statt mit Fleisch vermählen?“

„Das will ich.“

Die Gydja legte ihre Hände um Hervörs Hand, die noch immer die Axt umschlossen hielt. „Der Fels zu unsren Füßen ist unser Zeuge. So beständig wie er sei auch dein Wort und dieser Bund. Diese Axt sei dein Mann, und mögest du keinen anderen kennen.“

Die Gydja ließ ihre Hand los und Hervör trat auf die Seite. Die Seite der Männer.

Dort stand Tjalf, ihr Jarl. Groß und kräftig, trotz seiner grauen Haare von den Jahren ungebeugt. Mit beiden Händen überreichte er ihr einen großen runden Holzschild. „Möge deine Axt viele Orks fällen. Und mögest du deinen Ahnen Ehre erweisen, Schildmaid“, sprach er. Und dann hob er seine Stimme und donnerte: „Und nun bringt den Nebelgeist! Bei Gor, lasst uns die Hochzeit begießen!“

Der Clan antwortete mit donnerndem Jubel.

Autor: Jünger des Xardas