9. Entwicklertagebuch – Mein Einblick ins Community Story Project 

- 0:01

Ich bin Dr.Gothic, seit über einem Jahr arbeite ich am CSP als Storywriter/Tester mit und so kam es dazu: 

Ich zocke Gothic Spiele seit meiner Jugend, bin gewissermaßen damit aufgewachsen. Unter anderem deshalb war ich von Gothic 3 bei Release bodenlos enttäuscht. Wo sind die Liebe zum Detail, die Kreativität, die Vielschichtigkeit und Komplexität nur hin? Es kristallisierte sich heraus, dass es dafür finanzpolitische und überambitionierte Gründe gab, aber auch, dass Gothic 3 nicht so bleiben konnte. So fing ich an, die Modding Szene um Gothic Spiele zu beobachten. 

Seit vielen Jahren habe ich das Community Story Project (CSP) als stiller Beobachter verfolgt – voller Staunen darüber, wie tiefgreifend und atmosphärisch dieses Fanprojekt die Welt von Gothic 3 umgestaltet. Die Esmeralda ist zurück, die Städte werden umgebaut, das Kloster ist jetzt gigantisch groß und vieles mehr. Das sah für mich „richtig nach Gothic“ aus. Immer wieder habe ich die Fortschritte im World of Gothic Forum gelesen und mich auch gefragt, wie es wohl wäre, selbst Teil dieser Entwicklung zu sein. Warum die Entwicklung lange dauert und wer hinter diesen ganzen spannenden Geschichten in den Adventskalendern steckt? 

Ein Aufruf im WoG 

Eines Tages stand ein Aufruf im Forum: Das CSP-Team suche/brauche Unterstützung im Bereich Story- und Questdesign. Es wurde klar benannt, dass dies keine kleine Aufgabe sei – zeitintensiv, anspruchsvoll und mit hohen erzählerischen Anforderungen verbunden. Genau das war der Moment, der in mir den Entschluss reifen ließ: Ich möchte hier gern mitgestalten, auch wenn ich von Modding wenig Ahnung habe. 

Also setzte ich mich hin und schrieb eine Questreihe als Bewerbung fürs CSP – komplex erzählt aus drei Perspektiven: eines Rebellen, eines Orksöldners und eines Assassinen. Es ging um einen Händler in Not, eine verschwörerische Intrige und moralisch schwierige Entscheidungen. Beim Schreiben merkte ich schnell: Das macht ja richtig Bock. Hier konnte ich meine Kreativität voll entfalten, etwas, das während meines Studiums eindeutig zu kurz kam. Bald darauf schickte ich mein Geschreibsel, als ich damit soweit zufrieden war, ab. 

Der unerwartete Start 

Wochenlang hörte ich nichts. Ich nahm schon an, meine Bewerbung sei abgelehnt worden – bis sich herausstellte, dass meine Mail irgendwo im Äther hing. Als sie schließlich entdeckt wurde, erhielt ich die Einladung ins Team. So begann der Spaß. Hier ein Überblick: 

Das CSP organisiert sich über ein internes Forum sowie ein eigenes Serversystem. Für mich als Neuling im Moddingbereich war das zunächst überfordernd. Wie komm ich auf den Server? Wie bekomm ich das CSP zu laufen? Woher bekomme ich die Dokumente zum Einlesen? Doch das Team unterstützte mich bei jedem Schritt und so kam ich irgendwann gut rein ins Projekt.  

Der Einstieg – 10 Monate voller Entdeckungen 

Meine erste Aufgabe war klar: das CSP testen. Nicht oberflächlich, sondern tiefgehend, mit Fokus auf Handlung, Logik, Atmosphäre, Weltveränderung und Balancing. Es dauerte rund zehn Monate und rund hundert Spielstunden, bis ich das Projekt bis in die späten Kapitel durchdrungen hatte. Ständig lud ich Speicherstände nach, um die alternativen Wege und Entscheidungen zu testen. An einer Stelle meinte ich dadurch einen Softlock gefunden zu haben, wenn man absichtlich eine Quest vermasselt, ohne die man jedoch nicht in die nächste Region kommt. Doch Pustekuchen, das CSP hatte für genau diese Situation bereits die Alternativquest parat und so konnte ich über Umwege die Reise fortsetzen.  

Besonders beeindruckt hat mich, wie lebendig und vernetzt die umgebaute Welt ist. Das kannte ich so von anderen G3 Mods bisher nicht, was nicht heißen soll, dass andere G3 Mods schlechter sind, im Gegenteil, auch hier wurde enorm viel Detailliebe und Kreativität eingebracht. Das CSP ist, wie ich finde, in vielen Punkten aber gänzlich anders aufgebaut. Hier wird weniger auf Masse an neuen Items, sondern auf narrative Tiefe und eine dynamische Welt gesetzt: 

Hunderte neue NPCs mit glaubhaften Motiven und komplexen Charakteren 

Dynamische Weltveränderungen zwischen den Kapiteln (ganze neue Lager entstehen, oder werden zerstört) 

NPCs wandern mit der Zeit durch die Welt 

Quests, die sich über ganze Regionen spannen 

Entscheidungen, die großen Nachklang haben 

Orte voller Geschichte – wenig passiert zufällig 

Die Welt von Gothic 3 ist groß, im CSP wird diese, ähnlich wie in den Vorgängern mit Details und Leben gefüllt. Immer wieder gibt es erzählerische Plot-Twists, die mich völlig überraschten. Die CSP-Welt ist nicht Schwarz/Weiß, es gibt nicht das Gute, oder das Böse, alles ist irgendwo dazwischen, aber nachvollziehbar erzählt. Manche Dialoge haben mich zum Nachdenken gebracht, andere emotional berührt. Das CSP schafft es, Myrtana zu einer Welt zu machen, die lebendig erscheint.  

Die Arbeit im Team 

Nachdem ich mich eingearbeitet hatte und meinen Testlauf beenden konnte, begann ich selbst Inhalte beizusteuern und Quests und Skripte zu schreiben. Zunächst kleine Projekte, um Lücken in der bestehenden Geschichte zu schließen, oder zu ergänzen – Quests, Dialoge, Charakterentwicklungen. Alles wird im internen Forum besprochen, überarbeitet und schließlich in die Serversektion für die Implementierung hochgeladen. Dabei musste ich quasi auch lernen, wie schreibt man die Dokumente fürs CSP. Worauf kommt es der Technik an? Wie schafft man es, den richtigen Zeitpunkt für die Handlungsstränge zu treffen, ohne dass sich andere Quests dadurch beißen. Wer sagt an welcher Stelle welchen Satz? Viele neue Gesprächszeilen fügen sich nahtlos in die bereits vorhandenen ein. Ich kann mir vorstellen, dass es hier vergleichbar zum Schreiben von Drehbüchern für Filme zugeht, nur dass es zusätzlich verschiedene/parallele Dialogoptionen, Effekte und Handlungsstränge gibt. Aber irgendwann hat man da dann auch den Dreh raus, bzw. genug Unterstützung erhalten, dass ein Finales Dokument entsteht. Selbige können dann von den Technikern implementiert werden und so wächst das Projekt Stück für Stück. 

Eines meiner Konzepte wurde bereits vollständig ins Spiel integriert – und das fühlt sich wirklich klasse an. Zu sehen, wie eigene Ideen Teil dieser riesigen Welt werden, ist ein schönes Gefühl. 

Warum das CSP besonders ist 

Ich verstehe heute, warum die Entwicklungszeit so enorm ist: 
Das Community Story Project ist eine sehr komplex aufgebaute Mod. Es ist ein fast vollständiges, alternatives Gothic 3. Ein gigantisches Add-In in einer wirklich großen Spielwelt, die endlich mit dem Leben und Inhalt gefüllt wird, der bei Release so bitter gefehlt hat. Eine riesige Erzählung, deren einzelne Fäden ineinandergreifen und deren Handlung im Großen Auswirkungen zeigt. Jede Figur hat einen Zweck. Jeder Ort erzählt eine eigene Geschichte. Jede Entscheidung kann Folgen haben. Ab dem vierten Kapitel erlebt der Spieler die Geschichte aus der Perspektive jener Fraktion, der er sich angeschlossen hat, was das Erstellen von mehreren parallelen Handlungssträngen für die jeweilige Fraktion bedarf. Das zu erstellen und beieinander zu behalten, braucht seine Zeit. Aber dafür wird das Ganze im Ende auch ein richtig gutes Spielerlebnis bieten. 

All das entsteht in der Freizeit engagierter Menschen, die ihre Leidenschaft in dieses Projekt fließen lassen – seit über einem Jahrzehnt. 

Mein persönliches Fazit 

Ich find’s klasse, Teil dieses Teams zu sein. Es ist nicht immer leicht voranzukommen – manchmal komplex, manchmal technisch herausfordernd, manchmal fehlt die passende Idee – aber stets inspirierend und unterstützend. Mir war vorher nicht klar, wie viel Spaß mir kreatives Schreiben macht und umso mehr freu ich mich, dass ich den Schritt gegangen bin. Ich hoffe, dass irgendwann der Tag kommt, an dem das Ganze final veröffentlicht wird und jeder, der Bock hat, sich in die CSP Welt Myrtanas begeben kann. Ich versuch jedenfalls meinen Teil dafür beizutragen. Bis dahin… 

Frohen Advent an Alle! 

Dr.Gothic 

Mein (ausnahmsweise aufgeräumter) Arbeitsplatz fürs CSP in pelziger Gesellschaft