„Also, ich sag’s nochmal: Ich halte es für eine blöde Idee, dass du das ohne deine Ausrüstung machst, aber wenn du echt meinst, dass es besser als die ganze Aufmerksamkeit ist… Ich sorge dafür, dass das Schiff hier ist, wenn ihr wiederkommt. Aber macht schnell. Die Orks werden das Schiff bald erblicken, wenn sie es nicht schon längst getan haben. Oder wissen die Götter, was da noch lauert. Und wenn ihr Verstärkung braucht, soll einer von euch an der Küste uns ein Rauchsignal oder etwas Vergleichbares geben.“
„Mach dir mal nicht so viele Sorgen, Lee. Wir kommen wieder.“
Lee nickte seinem Befreier – dem Mann, der ihn aus seinem lebenslangen Gefängnis und den Fesseln des Königs befreite – ein letztes Mal zu, ehe er das kleine Rettungsboot der Esmeralda an zwei Seilen herunterließ. In jenem Boot saßen die engeren Gefährten des Befreiers – der Magier Milten, der ehemalige Novize des Schläfers Lester, der einstige Schatten Diego und Lees Berater Gorn. Sie steuerten langsam Richtung Küstenstrand des Fischerdorfs Ardea zu.
„General, alles in Ordnung?“, ertönte eine Stimme hinter Lee, während jener den Blick auf die vielen Rauchwolken des Festlands und die neu entstandene Kuppel um Vengard in der Ferne betrachtete. „Wie fühlt Ihr Euch?“, fragte der Wassermagier Vatras, während er sich neben Lee stellte und seinem Blick folgte, die Hände in den Ärmeln der Robe verschränkt.
„All diese Jahre in der Barriere – dann Irdorath – nun diese Seereise und jetzt stehe ich hier ERNEUT vor einer Barriere“, Lee atmete tief durch. „Was meint Ihr, wie fühle ich mich, Magier?“
„Das möchte ich ungern beurteilen“, der Magier schmunzelte schwach. „Doch verzweifelt nicht daran. Auch die letzte Barriere hat Euch nicht aufgehalten. Vielleicht ist dies aber auch ein Zeichen, dass Euer Weg ein anderer sein soll.“
„Ein anderer Weg?“
„Was ist, wenn diejenigen, deren Blut Ihr vergießen wollt, bereits tot sind? Die, die an Eurer Verurteilung Schuld tragen? Oder was ist, wenn Ihr nicht an sie herankommt?“
„Sie werden nicht alle tot sein. Außerdem muss ich mich erst davon überzeugen, WER von ihnen verantwortlich ist. Versucht nicht, es mir auszureden, Vatras. Ich habe viel zu lange darauf gewartet. Ich will wissen, wer alles Schuld trägt, wie viel Schuld und DANN entscheide ich“, entgegnete Lee kühl.
„Das Reich steht vor einem Umsturz. Selbst, wenn der König diesen Krieg wie durch ein Wunder noch gewinnen sollte, so wird es nie so sein, wie es war. Soviel ist sicher“, Vatras wandte den Blick zu Lee. „Es kann also die beste Gelegenheit bieten, um-…“
„ALARM!“, ertönte ein lauter Schrei über das Deck. Lee wandte sich mit einem Ruck um, die Hand am Griff des Zweihänders – doch als er ihn gezogen hatte, war es bereits zu spät.
Ein Teil der Crew lag bereits bewusstlos am Boden, auf den Rest wurden bereits ein Dutzend Waffen auf die Männer gerichtet.
Piraten.
„Waffen runder, Landradden! Auch die Magie, alder Sack!“, bellte sie einer der Piraten an.
Einige Tage später:
„Von einer Gefangenschaft bei den Piraten hinüber in ein Dorfgefängnis. Und fast niemand hier ist NICHT zugedröhnt“, Lee schüttelt den Kopf, während er das Kinn auf seiner Faust ruhen ließ und missmutig gen Vatras blickte, der im Schneidersitz und einigen Rissen in der Robe ihm gegenüber saß.
Er grummelte, während immer wieder kleine Rauchwolken durch die Tür drangen – der Geruch nur allzu bekannt. Sumpfkraut.
„Nun, sieh es als Glück im Unglück, mein Sohn“, entgegnete Vatras ruhig. Für Lee schien er fast schon zu ruhig mit der Situation umzugehen.
„Glück? Worin seht Ihr hier Glück?“
„Wir wurden von Assassinen erbeutet und in einem Ein-Raum-Gefängnis in einem Dorf eingesperrt, in welchem Sumpfkraut angebaut wird. Ich bin Wassermagier. Für sie bin ich lebend viel mehr wert. Und du als mein „Begleiter“ ebenfalls“, der alte Magier schmunzelte.
„Lebend mehr wert? Wie das?“
„Nun, wir Wassermagier hier in Varant haben einst unser Volk durch die Wüste geführt, bevor wir von König Rhobar angeordnet wurden, die magische Barriere des Minentals zu errichten.“
„Euer Volk?“
„Das Volk der Nomaden, mein Sohn“, Vatras lächelte.
„Und worin seht Ihr hier ein Glück?“, schnaubte Lee spöttisch aus.
„Wie du schon so treffend sagtest, die Menschen haben zu viel Sumpfkraut da, als dass sie sonderlich aufmerksam wären. Und die Wachen genauso wenig“, Vatras schmunzelte vielsagend. „Sie sollten uns eigentlich verhören, mit allen Mitteln. Aber wie du siehst, sitzen wir hier nur in dieser Zelle, kriegen ab und zu etwas zu essen, manchmal kommt unser Freund Fabio herein, um uns ein paar Fragen zu stellen und überlässt uns dann wieder den „aufmerksamen“ Wachen.“
„Wie kommen wir also hier heraus?“
„Indem wir warten.“
„Worauf warten wir?“
„Auf die Brüder.“
„Ihr sprecht in Rätseln, Vatras, was-…“, ein gedämpftes Knallen vor dem Kerker unterbrach Lees Frage. Im nächsten Moment wurde die Tür aufgerissen, als ein verwundeter Assassine in den Raum und daraufhin stöhnend zu Boden fiel. Lee sprang auf und wagte einen Blick nach draußen. Sklaven flohen in alle Richtungen aus dem Dorf, während die Assassinen in Kämpfen mit für ihn fremden Wüstenbewohnern verwickelt waren. Lee blickte dann wieder zu Vatras: „Aufstehen, Meister, wir müssen hier weg!“
Vatras schmunzelte: „Nein, das ist dein Weg hier heraus. Meiner wird mich noch hier halten, bis die Zeit reif ist.“
Lee starrte Vatras verwirrt an: „Ich verstehe nicht. Vatras, nun kommt endlich mit!“
Doch schüttelte der Magier des Wasserbundes nur den Kopf: „Nein, du gehst, General. Geh und folge deiner Bestimmung. Meine Zeit wird kommen. Und dabei wird mir unser gemeinsamer Freund helfen.“
Lee zog irritiert die Augenbrauen zusammen. Für einen Augenblick, inmitten des Chaos, wunderte er sich, was mit dem Drachentöter wohl war. Wurde auch er gefangen genommen? Getötet? Vatras schien sich ja ziemlich sicher, dass er noch lebte. Also gibt es vielleicht noch eine Chance …
Lee stürmte dann mit einem simplen Nicken hinaus und bahnte sich seinen Weg inmitten des chaotischen Kampfes zum Fischersteg.
3 Tage später:
Die Mittagssonne brannte heiß auf die Hügel von Myrtana herab, als Lee auf dem staubigen Weg in Richtung Montera innehielt. Vor ihm erstreckte sich ein kleines Lager, umgeben von halbhohen Palisaden und Schatten spendenden Bäumen. Die Schwere seiner Rüstung und das Schwert auf seinem Rücken schienen ihn kaum zu belasten. Doch in seinen Augen loderte eine Flamme, die nichts mit der Hitze des Tages zu tun hatte – die Flamme eines Mannes, der alles verloren hatte und entschlossen war, es zurückzunehmen.
„Lee?“
Eine bekannte, raue Stimme erklang hinter ihm. Lee drehte sich um und sah Gorn auf ihn zukommen, den massigen Krieger mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Seine zweihändige Axt ruhte lässig auf seiner Schulter, und seine Gestalt wirkte wie ein Bollwerk gegen die Unruhen, die das Land heimsuchten.
„Gorn“, erwiderte Lee knapp und ließ ein winziges Lächeln zu. „Ich hätte wissen müssen, dass du dich hier herumtreibst.“
„Ich könnte dasselbe von dir sagen. Hast du dich entschieden, wieder den Soldaten zu spielen, oder suchst du immer noch Ärger mit dem König?“
Lee verschränkte die Arme und musterte Gorn eindringlich. „Ich habe meine Entscheidung längst getroffen. Meine Rache wartet nicht. Seine Hofschranzen werden für das bezahlen, was man mir genommen hat.“
Gorn seufzte und ließ die Axt in den Boden sinken. „Lee, ich weiß, was sie dir angetan haben. Aber ist es das wert, alles aufs Spiel zu setzen? Der König sitzt in Vengard und der Weg dorthin ist nicht nur mit Orks, sondern auch mit dem Blut Unschuldiger gepflastert. Und wer weiß, ob diese ganzen Kerle, die du suchst, noch leben?“, Gorn schüttelte den Kopf: „Die Menschen hier brauchen Hilfe.“
„Die Menschen hier…“ Lee machte eine abfällige Geste. „Sie haben sich schon immer selbst überlassen. Ich bin kein Retter, Gorn. Ich bin ein Mann, der zu Ende bringt, was angefangen wurde. Aber ich könnte deine Hilfe gebrauchen.“
„So?“ fragte Gorn, seine Stimme nun ernster. „Dann schieß doch mal los…“
Lee trat näher und sprach leise, als wollte er verhindern, dass die Wälder mithörten. „Es muss einen anderen Weg nach Vengard geben. Einen magischen. Vielleicht einen Teleportstein oder etwas Vergleichbares. In der Nähe von Montera liegt Gotha, die Hochburg der Paladine. Versuche, rauszukriegen, ob sich dort so etwas befindet.“
„Mmh“, Gorn überlegte etwas. „Soweit ich hörte, ist irgendetwas Grässliches in Gotha passiert. Aber ich bin gerade mal auf dem Weg dorthin, wer weiß, was daran stimmt. Was wirst du in der Zeit tun?“
Lee nickte ihm anerkennend zu: „Ich werde vermutlich ins Kloster nach Nordmar reisen. Die Bibliothek dort muss etwas haben, das mir helfen wird. In der Suche, aber auch mit der Sache mit Vengard.“
Gorn runzelte die Stirn: „Du willst dich doch nicht ernsthaft mit den GANZEN Orks dort kloppen? Das ist Selbstmord, mein Freund. Die haben den Pass in Faring verriegelt, soweit ich hörte. Ganz zu schweigen, dass sicherlich so einige von den Halbstarken noch in Nordmar sitzt.“
Lee trat näher an Gorn heran, seine Stimme kalt und entschlossen. „Ich habe den Tod mehrmals in die Augen gesehen, Gorn. Und ich lebe noch. Wenn mich das näher an den König bringt, werde ich einen Weg durch die Reihen der Orks finden.“
Gorn nickte langsam, ein Hauch von Resignation in seinem Gesicht. „Dann werde ich dich ein Stück weit begleiten. Am besten Richtung dem Pass in der Nähe von Silden. Jemand muss auf deinen sturen Hals aufpassen.“
Lee lächelte dünn. „Das hast du schon immer gut gemacht, alter Freund.“
Die beiden Männer wandten sich gemeinsam dem Pfad zu, der in die dichten Wälder führte. In der Stille, die zwischen ihnen lag, spürte man eine unausgesprochene Verbundenheit – die Loyalität von Kriegern, die Seite an Seite gekämpft hatten. Doch die Schatten der Vergangenheit und die Last ihrer Entscheidungen folgten ihnen auf Schritt und Tritt.
Ihr Weg war klar. Die Rache würde kommen – und mit ihr das Schicksal, das sie beide suchten.
Einige Tage später:
Der kalte Wind Nordmars biss durch die dicksten Pelze und die weißen Gipfel der Berge schienen den Himmel zu berühren. Lee zog den Mantel enger um seine Schultern, als er auf das Lager des Feuerclans zuging. Das Lodern der Flammen und das dumpfe Klirren von Schmiedehämmern klang wie eine raue Begrüßung in dieser unwirtlichen Wildnis.
Ein Nordmarer in schwerer Fellrüstung trat Lee entgegen, eine riesige Axt auf der Schulter. Sein Gesicht war von Narben gezeichnet, und seine Stimme hallte wie Donner durch das Lager.
„Wieder so ein Flachländer … Was willst du im Feuerclan, Fremder? Wer bist du?“
Lee blieb stehen und hob die Hand zum Gruß. „Ein alter Freund. Ich suche Wiglaf.“
Die Augen des Nordmarers weiteten sich und er musterte Lee, als wollte er sicherstellen, dass es wirklich der Mann war, den er kannte. Schließlich nickte er. „Wiglaf wird dich empfangen. Folge mir.“
Lee wurde in eine große Hütte im Clan selbst geführt, deren massive Holzbalken von der simplen Lebensweise der Nordmarer zeugten. An einem Tisch nahe der Feuerstelle saß ein muskulöser Mann mit langem, grauem Haar und einem Bart, der von Frost bedeckt war. Seine Augen blitzten scharf, als Lee eintrat.
„Lee!“ Wiglafs Stimme war tief und voller schwerer Erinnerungen. Er erhob sich und trat auf seinen alten Kameraden zu. „Es ist lange her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Ich dachte, du wärst tot – oder schlimmer.“
Lee reichte ihm die Hand, doch Wiglaf zog ihn stattdessen in eine feste Umarmung. „Ich lebe noch. Trotz allem.“
Die beiden Männer setzten sich, während ein Krug heißen Met und dampfende Fleischstücke auf den Tisch gestellt wurden.
„Du kommst nicht ohne Grund hierher“, sagte Wiglaf, während er einen kräftigen Schluck nahm. „Erzähl mir, was dich nach Nordmar führt.“
Lee sah in die Flammen des Feuers und sprach langsam, als würde er jedes Wort abwägen. „Ich habe mich entschieden, Wiglaf. Meine Rache am König ist das Einzige, was zählt. Doch der Weg dorthin ist voller Hindernisse. Ich brauche deine Hilfe, alter Freund.“
Wiglaf lehnte sich zurück und strich sich nachdenklich über den Bart. „Du suchst meine Hilfe, um des Königs Hofschranzen zu stürzen? Damals, als sie dich verraten haben, hätte ich dir geholfen, ohne zu zögern. Aber jetzt…“
„Jetzt, was?“ Lee hielt Wiglafs Blick stand.
„Die Welt hat sich verändert, Lee. Nordmar ist zerrissen. Die Orks greifen unsere Dörfer an und die Clans sind teils zerstritten. Und dennoch…“ Wiglaf machte eine Pause, sein Blick wurde weich. „Ich schulde dir mein Leben. Du hast mich damals aus der Gefangenschaft des Feindes gerettet, als wir in der Armee waren. Ohne dich wäre ich nicht hier.“
Lee nickte, doch er ließ keine Sentimentalität zu. „Dann hilf mir. Eine Zuflucht – das ist erstmal alles, was ich brauche.“
Wiglaf schwieg eine Weile, bevor er langsam nickte. „Natürlich. Das wird kein Problem sein. Seit dem Tod meiner Frau habe ich ohnehin noch ein Bett frei. Mach es dir also gemütlich, wie Zuhause.“
Wiglaf erhob dann seinen Krug und stieß mit Lee an. „Mögen die Götter über uns wachen – oder uns zumindest nicht im Stich lassen.“
Lee lächelte zum ersten Mal seit Langem. In der rauen Wärme des Feuerclans und der Loyalität eines alten Kameraden fand er nicht nur Zuflucht, sondern auch die nächste Etappe auf seinem Weg zur Vergeltung.
Weitere Tage vergingen, in welchen Lee sich versuchte, zurechtzufinden und seinen Weg zum Kloster der Feuermagier zu bahnen. Doch blieb er nie lange bei seinen Besuchen, denn die Gefahr war groß, dass man ihn wiedererkannte.
In Gedanken tief versunken und seine alte, treue Axt am Schleifstein am Schärfen wurde er wieder herausgerissen, als er einen Mann auf ihn zutreten hörte und dann auch ansah. Ein Mann, von dem es kaum eine Überraschung war, dass er aufgekreuzt war. Denn Lee schmunzelte bloß.
„Du hier? Ich glaube, es gibt keinen Ort, an dem du nicht auftauchst.“
Autor: Gregox