1. Nacht, in der die Schatten wandern

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Ich bin ein Ritter der Ordnung. Ein Diener Innos’, gelobt, das Licht zu hüten, wo Dunkelheit wuchert. Manche nennen mich dieser Zeiten fanatisch, andere töricht… Doch ich weiß, wer ich bin: ein tugendhafter Ritter, Treue und Pflicht sind mein Blut. Durch Eid gebunden, dem Recht zu dienen und die Schwachen zu schützen. 

Darum sitze ich hier, versteckt zwischen den starren Wurzeln eines alten Baumes, nur ein paar Hundert Schritt unterhalb der Festung Gotha – meiner Heimat, dem Sitz unserer Bruderschaft. Einst ein Bollwerk der Paladine, ein Hort von Stärke und Glauben. Heute ist sie entweiht… von Orks besetzt… und von finsteren Mächten geschändet. 

Die Nacht ist klar, der Mond steht wie ein bleicher Wächter am Himmel. Kein Laut ist zu hören, außer dem gelegentlichen Heulen des Windes, der über das verlassene Tal streicht – wie eine Stimme, die warnt. 

Da bemerke ich Bewegung am Waldrand. 

Ein Dutzend Krieger mit Fackeln taucht aus den Schatten. Meine Hand fährt instinktiv zum Griff meines Schwertes – doch ich bleibe reglos. Sie dürfen mich nicht bemerken. 

In ihrer Mitte schreitet selbstbewusst ein Hüne mit gewaltiger Axt über der Schulter. Ihre Fackeln erlöschen einer nach der anderen – nicht vom Wind, sondern aus Vorsatz, je näher sie der Festung kommen. Im bleichen Licht des Mondes erkenne ich ein blutrotes Banner. Darauf das Symbol des Schattenläufers. 

Schweigend ziehen sie an mir vorbei, den Hang hinauf, direkt zur Festung. Die Orks am Vorposten, die den Zugang bewachen, starren wie eh und je dumm ins Dunkel – unfähig zu sehen, was direkt vor ihnen geschieht. 

Mein Herz schlägt schneller. Verbündete. Brüder im Geiste. Ein Funken Hoffnung flammt auf in meiner Brust. 

Ich mache einen Schritt vorwärts, bereit, mein Versteck zu verlassen und ihnen nachzueilen… 

Da geschieht es. 

Ein Laut erfüllt die Nacht. Nicht von dieser Welt. 

Es ist kein Kampfschrei. Kein Befehl. Es ist… ein Knirschen. Metall auf Stein. Wie ein eisernes Gitter, das unter unmenschlicher Kraft über den Boden gezerrt wird. Ein Laut, der mir das Blut in den Adern gefrieren lässt. 

Ein Schrei hallt. Kein menschlicher. 
Ein Lachen – dämonisch, grausam, uralt. 

Die Orks schrecken auf, entzünden hastig Fackeln und spähen die Felsflanke hinauf. Doch sie rühren sich nicht von ihrem Posten. 

Meine Beine erstarren. 

Oben in der Festung explodiert plötzlich Licht hinter den Mauern. Das Krachen von Stahl auf Stahl hallt durch das Tal. Männer rufen – doch schon kippt das Rufen in Schreie um. Grauenvolle, verzweifelte Schreie. 

Und dann – ein dumpfer Schlag. Ich erkenne sofort, was es ist. Das Gitter der Festung – gefallen. Verriegelt. 

Die Orks am Vorposten eilen nach vorne, entzünden ihre Fackeln, spähen hinauf… doch sie bleiben wie angewurzelt. Keiner wagt sich der Festung zu nähern. 

Nur Augenblicke später stürzt der Hüne den Hang hinab. Nicht als Sieger. Sondern als Gejagter. Panik verzerrt sein Gesicht. Er läuft, als sei ihm selbst der Tod auf den Fersen. 

Die Orks erwarten ihn bereits. Sie schlagen ihn nieder, legen ihm Ketten an und zerren ihn fort. 

Von seinen Männern: keine Spur. Kein Schrei. Kein Kampf mehr. Nur Stille. 

Zu still. 

Ich zwinge mich zu atmen – doch dann erstarrt mir erneut das Blut. 

Etwas bewegt sich am Aufgang der Festung. 

Gestalten treten hervor. 

Menschlich… und doch keine Menschen mehr. 

Sie gehen langsam, steif, als folgten sie unsichtbaren Fäden. Ihre Gesichter sind bleich, ihre Augen leer. Untote. Geweckt von finsterer Magie. Diener Beliars. Die Orks scheinen sie nicht zu bemerken. 

Und vor ihnen – bei Innos, es darf nicht sein – erkenne ich einen von ihnen. 

Campell. 

Mein Ausbilder. Mein Lehrer. Der edelste und mutigste Paladin, den ich je kannte. Er war mir ein Vater gleich. Nun wandelt er… als Kreatur der Finsternis. 

Hätte ich dieses Schicksal erahnt, so wäre ich niemals mit der Esmeralda gesegelt. Ich hätte meinen Brüdern in der Heimat zur Seite gestanden. Innos wählte mir wohl einen anderen Pfad. 

Die Untoten in der Dunkelheit wenden sich nicht zum Tal hinab, als wollten sie fliehen – nein. 

Sie marschieren. 

Sie folgen einem unsichtbaren Befehl. 

Und ich ahne, wohin. 

Denn die Festung Gotha steht nicht zufällig an diesem Ort. Tief unter ihr liegt ein Geheimnis… ein uralter Pfad, der niemals wieder betreten werden sollte. 

Etwas ist zurückgekehrt. 

Etwas, das nie zurückkehren durfte. 

Ich spüre Kälte in meiner Seele – und doch flammt ein Funke auf. Kein Zufall hat mich heute Nacht hierhergeführt. Es war der Wille Innos’. 

Und so erhebe ich mich aus meinem Versteck. 

Ich bin Ritter. Ich bin der Hüter des Lichts und des Lebens. 

Und ich schwöre: 

Ich werde sie jagen. 
Diese wandelnden Schatten, meine verlorenen Brüder. 
Ich werde das zurückholen, was wir einst beschützt haben, so wahr mein Name Girion, Ritter des Paladinordens ist. 

Hier in meinem Versteck werde ich warten, bis sich der rechte Augenblick zeigt, denn ich werde mich nicht allein Meister Campell stellen können. 

Möge Innos mein Zeuge sein. 

Autor: DrGothic