Zunftstreitigkeiten

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In Türchen 13 haben wir euch bereits die Zunftwerkstatt von Geldern gezeigt. Heute beleuchten wir das Zunftwesen der Stadt noch etwas weiter, in unserer diesjährigen Kurzgeschichte „Zunftstreitigkeiten“, die von Jünger des Xardas verfasst wurde. Viel Spaß beim Lesen.

„Danke, Kindchen“, sagte Samuel, als Diaana sein Abendessen vor ihm abstellte. Gelderner Schinken nach Art des Hauses. Das Fleisch war mit Brot überbacken und in Wein geschmort. Warren hatte Karrottenstückchen und anderes Gemüse dazu gegeben. Samuel lief schon beim bloßen Anblick das Wasser im Mund zusammen.

Während er den ersten Bissen nahm, sah er sich um. Es war ein ruhiger Abend im Starken Arm. In einer Ecke saß dieser Nordmann Ragnar und soff ohne Zweifel wieder den Schnaps aus Flamels Labor. An einem anderen Tisch erspähte er diesen Xavier in seiner dunklen Robe, wie so oft in ein Buch vertieft, während er dann und wann abwesend an seinem Wein nippte. Zwar hatte der Schwarzmagier noch immer keine Gesellschaft an seinem Tisch, aber wenigstens hatten die Leute sich so weit an ihn gwöhnt, dass sie ihn mittlerweile ignorierten. Zumindest waren die beiden Bürgersleute, die am Nachbartisch ihren Eintopf löffelten, ganz in ihr Gespräch vertieft. Und auch die drei seiner Männer, die auf der anderen Seite des Raumes würfelten, ließen sich höchstens dann und wann von Dianas runden Hüften ablenken, nicht aber von dem dunklen Magier.

Samuel schätzte Abende wie diesen. Die Tage konnten anstrengend genug sein. Er musste die Jungs im Auge behalten, sich von Nemrok herumscheuchen lassen, den Überblick über die Arbeiten in den Minen behalten, sich um die Versorgung der Sklaven kümmern, sich Dawsons Sorgen und Vorschläge anhören und was immer sonst noch für den Hauptmann der Söldner von Geldern anfallen mochte. Da war er froh, wenn er die Orks, seine Jungs, die Sklaven und die Stadt endlich mal für eine Stunde vergessen und den Tag in Ruhe und bei einem schmackhaften Mahl im Starken Arm ausklingen lassen konnte.

„Hauptmann Samuel.“ Er drehte den Kopf und sah, wie Meister Friedbert sich auf den Stuhl ihm gegenüber wuchtete. „Guten Abend.“ Der dicke Drechsler tippte sich an die Stirn. „Ich hoffe, ich störe nicht.“ Samuel brummte. Es war nicht so, dass er grundsätzlich etwas gegen Gesellschaft einzuwenden hatte. Aber er hatte so seine Befürchtungen, dass Friedbert gleich wieder mit der üblichen Laier anfangen würde. Und tatsächlich, kaum hatte der Handwerksmeister sich von Diana einen Wein bringen lassen und einen Eintopf bestellt, legte er auch schon los: „Es ist schon was Feines, so ein Feierabend nach einem Tag ehrlicher und harter Arbeit. Zu schade, dass nicht jeder in der Stadt so einer ehrlichen Arbeit nachgeht.“ Samuel fragte sich, wie lange der Drechsler an dieser Einleitung gearbeitet hatte. Zweifellos hielt er sie für sehr subtil. „Isabella wird immer schamloser, musst du wissen.“

„Sie schmiedet gute Waffen zu anständigen Preisen“, ergriff Samuel erstmals das Wort. „Wenn das keine ehrliche Arbeit ist, was dann?“

„Pah!“ Friedbert nahm einen großen Schluck Wein. „So ehrlich wie die ganzen Artefakthehler in der Stadt!“

„Im Gegensatz zu denen zahlt sie ihre Steuern. Und im Gegensaatz zu denen verkauft sie ihre eigene Ware und keine gestohlene.“

„Aber sie ist nicht in der Zunft!“, protestierte Friedbert. Na also. Warum auch lange um den heißen Brei herumreden? Darum ging es doch. Alle anderen Gründe waren doch nur vorgeschoben.

Samuel zuckte ungerührt mit den Schultern. „Ihr werdet euch damit abfinden müssen.“

„Aber die Gesetze sind eindeutig: Wer kein Zunftmitglied ist, darf in ganz Geldern keinem Handwerk nachgehen.“

„Die Gesetze des Königs“, erinnerte Samuel sein Gegenüber mit zunehmender Ungeduld. „Dieselben Gesetze, nach denen der Schwarzmagier dort drüben“ – er wies auf den Beliaranhänger – „auf dem Scheiterhaaufen gelandet wäre. Dieselben Gesetze, die Dimitar für den Stängel da in die Barriere gebracht hätten“ – er wies mit dem Daumen über die Schulter zur Theke, wo der soeben eingetretene Arenakämpfer sich einen Schwarzen Rhobar angezündet hatte.

„Die Handwerkerzunft von Geldern hat eine jahrhundertealte Tradition!“

„Das Verbrennen von Schwarzmagiern auch.“

Friedbert, dessen Gesicht – ob vor Wut oder vor Wein – leicht gerötet war, nahm einen großen Schluck. „Immer schamloser wird sie, sage ich“, wiederholte er dann seine früheren Worte, ohne auf Samuels Argumente einzugehen, und wedelte dabei mit dem Zeigefinger vor und zurück. „Am letzten Innostag hat sie gearbeitet. Ich habe selbst gesehen, wie’s in ihrer Schmiede gequalmt hat. Den Hammer hab ich auch gehört.“

Samuel zuckte ungerührt mit den Schultern. „Dafür sind die Ausbesserungen an den Rüstungen der Jungs, die ich bei ihr bestellt hatte, auch zeitig fertig geworden.“

„Der Innostag ist heilig! Jeder soll da seine Arbeit ruhen lassen, sagt die Kirche.“

Ein schiefes Grinsen trat auf das Gesicht des Söldnerhauptmanns. „Warst du in letzter Zeit mal im Tempel, Meister? Die Kirche gibt es nicht mehr.“

Friedbert zog es vor, das zu tun, was alle Menschen zu tun pflegen, die keine Argumente haben, aber auf ihrem Standpunkt beharren wollen: Er ignorierte Samuels Worte und sprang zu einem völlig neuen Thema: „Ich sag dir, was das Mädel braucht.“ Wieder schwankte sein Zeigefinger durch die Luft. Samuel hatte den Eindruck, dass der Drechsler, der einen Schluck nach dem anderen nahm, zunehmend die Kontrolle über ihn verlor. „Einen Mann, den braucht sie. Ist nicht gut, wenn eine Frau keinen Mann hat, weiß man doch.“ Sein Blick blieb auf Diana hängen, die gerade an ihm vorbeirauschte, mehrere Humpen auf einem Tablett balancierend. „Gibt überhaupt viel zu viele Jungfern in Geldern. Sollten in dem Alter schon lange alle verheiratet sein und ihr erstes Kind erwarten. Aber die Diana hat immerhin noch ihren Vater, der ihr was hinter die Löffel geben kann, falls sie irgendwelche Flausen im Kopf hat. Ich sag dir, der alte Harwin hätte sich so was von seiner Isabella nicht gefallen lassen, Innos hab ihn selig. Verlobt hatte er sie, wie’s sich gehört. Solange er noch am Leben war, hätt’ sie sich so was nie getraut. Heute dreht der sich bestimmt im Grabe um. Kaum ist ihr alter Herr dahin, schon setzt die kleine Hexe ihren Bräutigam vor die Tür und fängt selber an zu schmieden. Hat man so was schon gehört? Wie lange willst du dir das mit ansehen, Samuel?“

„So lange, wie sie gute Waffen macht.“

„Sie ist ein Weibsbild, was hat die mit Waffen zu schaffen?“

„Mann, Weib, Mensch, Ork, von mir aus könnte in der Schmiede auch ein beschissener Goblin stehen, solange er gute Klingen macht.“

„So eine gehört hinter den Herd, nicht hinter den Amboss.“ Der Drechslermeister hatte angefangen, leicht zu lallen. „Wo kommen wir denn da hin? Denk an meine Worte, das wird noch böse enden! Wenn du das durchgehen lässt, machen uns die Weiber bald Beliars Reich heiß. Wenn die andern sehen, dass eine von ihnen jetzt schmieden darf, stehen die morgen bei dir auf der Matte und wollen Söldner werden. Ha, Söldner! Und in ein paar Jahren machen dann überall die Weiber die Männerarbeit. Und wer kocht dann das Essen, frage ich dich?“

Das war eine Frage, die einen Mann von Friedberts Umfang, ganz besonders umtreiben musste. Samuel indes war der Appetit vergangen. Er erhob sich, entschuldigte sich bei dem bereits stark angetrunkenen Handwerker und gab Warren noch sein Gold, dann machte er sich auf den Heimweg.

„… Einer der Stützbalken muss auch erneuert werden. Und im hinteren Stollen würde ich noch einen neuen aufstellen. Mir gefällt nicht, wie viel Last die Balken dort zu tragen haben. Hier, alles notiert.“

Samuel nahm den Zettel entgegen, den Dawson ihm reichte, und überflog ihn kurz. „Was denkst du sonst von der Goldmine? Können wir genug schürfen, um Nemrok zufriedenzustellen?“

„Bei seinen Forderungen?“ Dawson lachte trocken auf.

„Wir brauchen das Gold. Wie man hört, verlangen die Assassinen eine Menge dafür, dass sie die Orks in ihr Land lassen.“

Dawson spuckte aus. „Weiß eh nicht, was die da wollen. Als gäb’s hier in Geldern nicht schon genug Artefakte zu finden. Was gibt’s in Varant, was man nicht auch hier bekommt?“

„Das ist nicht unsere Sache. Was ist jetzt? Kriegen wir genug Gold zusammen?“

„Die Mine in der Stadt allein nicht. Aber zusammen mit dem, was wir im Norden schürfen… Wird knapp, aber es wird reichen. Wir könnten mehr schürfen, wenn wir neue Stollen anlegen würden. Ich habe da schon was im Blick. Eine der Wände in der Mine, die ich abgeklopft habe, ist ziemlich dünn. Da könnte unter Umständen sogar schon ein einzelner Sklave schnell durchbrechen. Mit etwas Glück erwarten uns dahinter weitere Adern.“

„Ich werde Nemrok darauf ansprechen. Eventuell stellt er weitere Sklaven für die Goldmine bereit.“

„Er kann welche aus der Schwefelmine abziehen. Da arbeiten eh viel zu viele.“

„Kann er nicht. Du weißt doch, die Schamanen-“ Samuel brach ab, als er einen jungen Mann auf sich zu stolzieren sah. Er seufzte innerlich und biss die Zähne zusammen. „Was willst du hier?“, fragte er ihn vielleicht eine Spur unfreundlicher als eigentlich beabsichtigt.

Der junge Talor grinste breit. Er hakte die Daumen lässig in den Gürtel. „Meister Lukas schickt mich.“

„Was will er?“, fragte Samuel, auch wenn er sich schon vorstellen konnte, weshalb der Tischlermeister seinen Gesellen zu ihm schickte.

„Sich beschweren. Isabella hämmert zu laut.“ Dem Grinsen des Handwerksgesellen war deutlich anzusehen, dass er wohl wusste, wie dreist sein Auftreten war.

„Ich hab mir sagen lassen, Hämmern gehöre zum Schmieden dazu.“

„Soll das Flittchen halt leiser hämmern.“

„Nenn sie nicht so.“ Samuel war gewiss kein strahlender Paladin, der es sich zur Aufgabe machte, die Ehre unschuldiger Jungfern zu verteidigen. Aber ihm passte Talors Selbstgefälligkeit nicht.

„Wieso nicht?“ Talor zuckte ungerührt mit den Schultern. „Ist doch eins. Mich hat sie jedenfalls schon oft drüber gelassen. Und bestimmt auch ein paar von deinen Männern.“

Samuel glaubte dem kleinen Aufschneider kein Wort. „Pass in meiner Gegenwart besser auf dein loses Mundwerk auf, Rotzlöffel. Und jetzt verzieh dich, ich habe wirklich andere Sorgen als einen zu lauten Hammer.“

Talor plusterte sich erbost auf. „So kannst du mit mir nicht reden! Im Gegensatz zu Isabella bin ICH in der Zunft! Vergiss nicht, wir Handwerker sind die angesehensten Bürger von Geldern!“

Talor hatte nicht ganz Unrecht. Selbst jetzt, wo die Zunft nicht mehr unter dem Schutz des Tempels und des Erzmagiers stand, waren die Zunftmeister noch immer hoch angesehen. Nur war Talor keiner von ihnen. Das schien er öfter mal zu vergessen. Wäre Samuel sein Lehrmeister gewesen, er hätte die Rotznase längst übers Knie gelegt und ihm eingebläut, sich nicht wie ein vollwertiger Handwerksmeister aufzuführen, wo er doch gar keiner war. Nun aber jagte er ihm bloß mit einigen wütenden Worten Angst ein und scheuchte ihn so davon. Wie üblich steckte nicht viel hinter Talors großer Klappe. Am Ende spurte er doch vor den Orks und ihren Söldnern.

„Das sind die neuen Spitzhacken?“ Ivan nahm eines der Werkzeuge vom Karren und hielt es mit kritischem Blick vors Gesicht.

„Drei Stück, so hat Dawson es notiert. Dazu zwei frische Sklaven“ – Ivan wies auf die beiden zerlumpten Gestalten, die den Karren gleich durch den Wald zur Goldmine ziehen würden – „hier ist der Proviant…“ – er lüftete die Decke auf dem Karren leicht, sodass die zwei Körbe mit Brot, die Kiste voller Bier und einige der Äpfel zum Vorschein kamen – „es ist alles da, was da sein sollte.“

„Die bricht beim ersten Schlag gegen den Felsen ab“, behauptete Ivan verächtlich und warf die Spitzhacke auf den Wagen zurück. Er nahm eine andere zur Hand. „Die hier taugt auch nichts. Die verschleißen wieder viel zu schnell. Von wem lässt du den Ramsch schmieden?“

Wollte Ivan ernsthaft so tun, als wüsste er das nicht? „Von Isabella.“

„Vielleicht solltest du zur Abwechslung mal einen richtigen Schmied beauftragen. Du weißt schon, einen, der keine Frau ist und den Hammer wenigstens heben kann.“

Samuels Brauen zogen sich unwillig zusammen. „Oder einen, der in der Zunft ist?“, fragte er. Der lauernde Argwohn in seiner Stimme schien Ivan zu entgehen. Oder es kümmerte den Chef der Nordmine schlichtweg nicht.

„Keine schlechte Idee. Da könntest du wenigstens sicher sein, dass er eine anständige Ausbildung genossen und eine Meisterprüfung abgelegt hat.“

Verärgert stapfte Samuel zu Ivan hinüber, stieß ihn grob beiseite und nahm eine der Spitzhacken zur Hand. „Sieht völlig in Ordnung aus“, urteilte er nach einem kurzen Blick.

„Pah, was verstehst du denn von Spitzhacken?“

„Ich verstehe genug von Metall. Die Zunft behauptet immer wieder, Isabella würde uns minderwertige Waffen verkaufen. Nichts als dummes Gewäsch. Unsere Waffen sind einwandfrei. Warum sollte es bei den Spitzhacken, die sie schmiedet, anders sein?“

„Weil ich’s dir sage.“

„Und wer hat’s dir gesagt?“

„Was meinst du damit?“

Samuel ließ die Spitzhacke auf den Karren zurückfallen und wandte sich herum, sodass er Ivan ins Gesicht sehen konnte. „Dumme Frage, du hast Recht.“ So plötzlich, dass Ivan nicht reagieren konnte, griff er nach der Hand seines Untergebenen und riss sie in die Höhe. „Nächstes Mal, wenn du dich schmieren lässt, trag deine Bezahlung nicht in meiner Gegenwart“, knurrte er und blickte auf den goldenen Ring mit dem eingelassenen Rubin, der an Ivans Finger blitzte.

Der andere Söldner zuckte mit keiner Wimper. Lediglich mit den Schultern. „Hat Vikko mir halt einen Ring gemacht, na und?“

„Ich werde ein ernstes Wörtchen mit diesem schmierigen Goldschmied wechseln müssen. Er soll nicht noch mal versuchen, meine Männer zu bestechen. Und was dich angeht“ – er ließ Ivans Hand los und setzte ihm eine Finger auf die Brust – „du bewegst dich auf dünnem Eis, Freundchen. Wenn dir dein Sold zu niedrig ist, kannst du dich gerne nach einem anderen Arbeitgeber umsehen. Aber ich mag es nicht, wenn meine eigenen Männer versuchen, mich zu verarschen. Also wehe, du lässt dich noch mal von diesen Fatzken von der Zunft einspannen.“

Ivan würdigte ihn keiner Antwort, sondern drehte sich wortlos um und gab den Sklaven das Kommando zum Abmarsch. Samuel hatte den Mistkerl nicht umsonst in die Mine weit im Norden versetzt. Er traute ihm kein Stück. Etwas sagte ihm, dass Ivan noch Ärger machen würde.

Was ihn aber im Moment viel mehr ärgerte, war diese vermaledeite Zunft. Es verging kein Tag, ohne dass er sich mit denen und ihrer privaten Fehde mit Isabella herumschlagen musste. Er hatte nicht übel Lust, einfach sämtliche Zunftmeister zu den Rebellen zu hängen, die sie kürzlich hochgenommen hatten.

Er seufzte. Wenn doch nur jemand auftauchen würde, der diesen albernen Zunftstreitigkeiten ein Ende setzte. Aber da konnte er lange warten.

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