19. Dezember 2012

- 4:04

Lagerfeuergeschichten

„Redest du jetzt die ganze Zeit oder trinkst du auch langsam mal was, damit die scheiß Flasche rumgeht?“, fluchte einer aus der Runde um das Feuer.

Dem Angesprochenen fiel erst jetzt auf, dass er die Flasche mit dem für die Männer so kostbaren Schnaps schon seit Minuten ohne zu trinken in der Hand hielt. Einen kräftigen Hieb später gab er sie weiter.

Die Flasche war groß und der Fusel darin schmeckte fürchterlich. Sie würde noch einige Male die Runde machen.

Es war eine dieser kalten Nächte hier draußen, in denen das prasselnde Lagerfeuer nicht mehr reichte, um sie zu wärmen. Nur die wenigen Neuen unter ihnen konnten sich mit Mühe daran erinnern, wie es war, in einem Bett oder im weichen Stroh zu schlafen, ohne dass der eisige Wind unentwegt an einem zerrte. Allein Alkohol in Verbindung mit den Geschichten, die sie sich untereinander erzählten, gestaltete solche Nächte einigermaßen erträglich.

Gegen seine vom Schnaps zugeschnürte Kehle ankämpfend, keuchte er: „Wo war ich?“
„Du meintest, dass ihr früher viel über den Berg gehört habt, als ihr noch bei der Miliz wart.“, kam es von einem der aufmerksameren Zuhörer.
„Ja“, er setzte langsam wieder an, „eine ganze Menge haben wir gehört. Die Leute in der Gegend erzählten sich schon vor dem Krieg ungewöhnliche Dinge über den Berg. Ihr kennt ja den Tratsch alter Waschweiber, die hatten immer die ausgefallensten Fantasien. Meinten, da oben würde Beliar selbst leben und einem die Seele stehlen, wenn man sich nachts hinauf wagt. Dass er die Reben vergiften würde. Na, klar dafür muss der Dunkle ja nur vom Berg pissen, schon sind am ganzen Hang die Reben verdorben, antwortete ich auf sowas.“

Die Banditen lachten, der Erzähler spuckte ins Feuer und fuhr fort: „Geschwätz, klar! Wenn Beliar durch diese Welt wandeln würde, hätte er Besseres zu tun, als auf dem scheiß Berg zu versauern. Aber…“ – nun flüsterte er fast, so dass sich seine Zuhörer in seine Richtung beugen mussten – „… es ist sicher, dass auf dem Berg immer wieder Menschen verschwunden sind. Wir haben sie gesucht. Meistens Jäger aus Silden, hin und wieder mal ein Glücksritter aus Geldern. Unbelehrbare, die hinaufgestiegen sind. Weit sind wir dabei selbst nie rauf gegangen. Zu gefährlich.“

Die Flasche hatte ihn inzwischen wieder erreicht. Den nächsten Schluck nahm der Bandit in aller Ruhe. Seine Zuhörer warteten ungeduldig, aber still darauf, dass er fortfahren würde.

Betont langsam gab er den Fusel weiter: „Ich hab’ mal einen Jäger getroffen, der angeblich oben war. Ein zäher Hund, das kann ich euch sagen. Der meinte, da oben jagt man nicht. Da wimmelt es nur so von Ungeheuern. Schattenläufer pirschen durchs Dickicht, Trolle wühlen den Boden um und zwischen all diesen Bestien liegt eine Ruine. Die Ruine einer alten, vor Jahrzehnten geschliffenen Festung, von der kaum noch einer weiß, wer sie bewohnt oder wer sie zerstört hat. Man hat es einfach verdrängt und im Grunde wollen wir es doch gar nicht wissen.

Denn der Jäger meinte auch, wenn man genau hinhört, dann kann man die Burgbewohner aus den Ruinen noch immer schreien hören. Hören, wie sie die Lebenden und ihre Mörder verfluchen. Das macht die Viecher da oben erst so richtig verrückt.“

Die hartgesottenen Männer lauschten nun alle angespannt in die Umgebung. In ihren Köpfen wurde bald schon das Kreischen des Windes zu gequälten Schreien und das knackende Brennholz erschien ihnen wie Todesseufzer. Langsam wurden sie unruhig, rutschten hin und her, fingen an, mit den Fingern zu spielen. Den Schnaps hatten sie inzwischen vergessen.

Der Erzähler griff danach. Nun verkehrte sich seine Sprechweise ins Gegenteil, er zog das Tempo an, wurde wieder lauter: „Schon lange bestellt keiner mehr den Wein an seinen Hängen. Schon lange besteigt keiner mehr freiwillig den Berg. Und wir, die wir früher Bauern, Soldaten, Milizen, Jäger waren, sind jetzt Gejagte.“ Die Stimme des Erzähler wurde immer höher und höher: „Wir wurden aufgerieben und gehetzt, unsere Kameraden wurden niedergeschlachtet und hingerichtet. Die Orks und ihre Schergen haben uns zu Vogelfreien erklärt. Und jetzt verkriechen wir uns hier – schutzlos und ganz nah am verfluchten Berg.“ Inzwischen kreischte er förmlich hysterisch: „Könnt ihr ihn sehen, den schwarzen Berg dort drüben? Könnt ihr hören, wie er ruft? Spürt ihr, wie er nach uns greift?“

Der Erzähler nahm einen letzten Schluck Schnaps und spuckte alles ins Feuer. Eine blaue Stichflamme schoss zum Himmel empor und leckte nach den Männern, die in alle Richtungen sprangen.

Aus dem Nichts traf den Erzähler ein heftiger Schlag mitten ins Gesicht, der ihn bewusstlos zu Boden schickte. Ivan, der nun über seinem bewusstlosen Gefolgsmann stand, hasste diese Nächte. Irgendwann würde er den Kerl einfach umbringen, denn er erzählte seine Geschichten einfach zu gut. Der Banditenführer würde die ganze restliche Nacht damit zubringen müssen, die Moral seiner Leute wiederherzustellen.

Wirklich, Ivan hasste diese Nächte.

 

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