4. Dezember 2011

- 0:05

Heute wird nicht nur die zweite Kerze auf dem Adventskranz entzündet, heute gibt es für euch auch eine Kurzgeschichte zu lesen. Diese trägt den Titel „Ungebetene Gäste“ und spielt ungefähr ein halbes Jahr vor Gothic 3 im „Schwarzen Korsaren“, der von uns in Ardea geschaffenen Kneipe, und stellt euch einige unserer neuen NPCs vor.

 

Ungebetene Gäste

 

„Hier. Mehr haben wir leider nicht mehr.“ Mit entschuldigendem Blick überreichte Magda Jalena den alten Stofffetzen. Die Mottenlöcher waren groß genug, um die Finger hindurchzustecken. Und die ursprüngliche Farbe war diversen Grautönen gewichen. Fast schämte Magda sich, doch sie hatte die Wahrheit gesagt: Etwas anderes hatte sie nicht mehr. Die junge Magd bedankte sich bei der Wirtin mit einem schwachen Kopfnicken. Zu mehr war sie wohl nicht imstande. Kein Wunder. Das arme Ding war gerade erst angekommen und hatte auf seinem Weg nach Ardea genug durchgemacht.

Magda drehte sich um und bahnte sich ihren Weg zum Ausgang des großen Raumes. Der Boden des Schlafsaals war übersäht mit alten Matten und Decken. Dicht an dicht drängten sich die Leiber der Flüchtlinge. Nur mit Mühe konnte sie über ein altes Ehepaar steigen, ohne der Frau auf die Hand zu treten. Sie kannte die beiden. Der Mann war Bauer auf der Straße nach Vengard gewesen. Jede Woche hatte er mindestens einmal in ihrem Gasthaus vorbeigeschaut. Nun lag sein Hof in Trümmern. Seine Felder waren niedergebrannt.

Mit Mühe zwängte Magda sich zwischen einem der Betten, die schon lange nicht mehr ausreichten, und einem zu dessen Füßen liegenden Mann hindurch, dessen Arm stark blutete. An seiner Seite, eingequetscht zwischen einem bereits schlafenden Knecht und einer Magd, die bedächtig aus ihrer Suppenschüssel trank, kniete Agathe. Magda zwang sich zu einem aufmunternden Lächeln und nickte der Kräuterfrau freundlich zu. Doch diese bemerkte es nicht. Zu sehr war sie in ihre Arbeit vertieft. Gerade eben presste sie ein Heilkraut auf die blutende Wunde am Arm des Mannes. Magda schritt weiter, so rasch es in der Enge möglich war. Obwohl in den letzten Tagen viele Verwundete nach Ardea gekommen waren, hatte sie sich noch immer nicht an den Anblick gewöhnt.

„Wir sollten zurück. Wenn wir den Hof nicht bewachen, werden Banditen ihn niederbrennen.“

„Vater, sie haben unseren Hof schon niedergebrannt!“

Magda passierte einen steinalten Bauern, der dick in eine der wenigen Decken eingewickelt war und offenbar unter schwerem Fieber litt. Eine junge Frau kniete neben ihm und hielt seine Hand.

„Die Schweine müssen gefüttert werden!“

„Die Schweine sind weg, Vater“, versuchte die Frau unter Tränen zu erklären. „Die Banditen haben sie mitgenommen.“

„Banditen? Wir sollten zurück. Wenn wir den Hof nicht bewachen, werden die Banditen ihn niederbrennen.“

Die junge Frau schluchzte laut auf.

Magda biss sich auf die Lippen und schluckte schwer, während sie weiterging. Den Klos in ihrem Hals wurde sie dadurch nicht los.

Dann, endlich, erreichte sie den Ausgang. Für einen Moment blieb sie stehen und atmete die kühle Nachtluft ein. Sie schloss die Augen und genoss die Ruhe, die an Ardeas hinterem Tor um diese Zeit herrschte. Für einen Moment gelang es ihr, das Elend aus ihren Gedanken zu verbannen. Doch dann rief sie sich zur Ordnung. Die Flüchtlinge brauchten sie. Sie musste sich zusammenreißen! Den Menschen dort drinnen ging es weit schlechter als ihr.

Schnell stieg sie die kurze Treppe an der Außenwand des Gasthauses hinab. Wenigstens lag kein Schnee mehr. Bald würde es Frühling werden. Und das war gut, denn sonst würden viele der Flüchtlinge bald schon erfroren sein. Doch wie sollten sie das kommende Jahr überstehen? Noch vor wenigen Wochen war die Küstenregion die Kornkammer des Reiches gewesen, doch nun war das Land verheert, das Vieh gestohlen.

Magda erreichte die Tür zum Erdgeschoss. „Zum Schwarzen Korsaren“, verkündete das Schild darüber, das auch schon bessere Tage gesehen hatte.

Drinnen war auf den ersten Blick nichts von dem Elend zu sehen, das im oberen Stockwerk und in der ganzen Küstenregion herrschte. Auf den ersten Blick.

Auf den zweiten Blick stellte man fest, dass keine Bauern aus dem Umland hier waren, keine Krabbenfischer aus Kap Dun und auch keine Jäger, nur einige wenige Dorfbewohner. Auf den dritten Blick erkannte man die Angst und die Ungewissheit in ihren Mienen. Niemand wusste, was kommen würde. Nur, dass der König sie verlassen hatte. Für die Menschen in Ardea war die Frage nur, ob zuerst die Orks, die Banditen oder der Hunger, der sicher bald kommen würde, sie dahinraffen würden.

Sie warf ihrem Mann Wulf hinter der Theke einen Blick zu. In seinem Gesicht las sie ihre eigenen Gedanken: Als die ersten Flüchtlinge gekommen waren, hatte Hamlar die beiden Wirtsleute angewiesen, sie aufzunehmen. „Nur für ein, zwei Wochen.“ Und Jon, der Milizkommandant, hatte versichert: „Lord Hagens Männer werden diese Banditen zur Rechenschaft ziehen. Schon bald können die Bauern auf ihre Felder zurückkehren.“ Doch Wulf und Magda war beiden klar, dass die Flüchtlinge auch im Sommer noch bei ihnen leben würden. Und keiner von ihnen wusste, wie sie sie durchfüttern sollten.

Die Wirtin trat an den großen Topf hinter der Theke und füllte die Suppe, die darin köchelte, mit einer Kelle in mehrere Holzschalen, um sie nach oben zu bringen. „Suppe“ war ein Euphemismus, denn was sie ihren Gästen vorsetzten, war kaum mehr als heißes Wasser. Doch sie konnten sich nicht leisten, mehr Gemüse als nötig in den Topf zu werfen. Nicht jetzt, da es so schlecht um die Nahrungsversorgung stand.

Während sie mit ihrer Arbeit beschäftigt war, fiel Magdas Blick auf einen Steckbrief an der Wand, der das Gesicht des ehemaligen Großbauern zeigte. Jon hatte ihn dort aufgehängt. Sie wusste nicht, ob es seine eigene Idee oder die seiner Vorgesetzten gewesen war. Doch wer immer sich diesen Steckbrief ausgedacht hatte, war entweder sehr naiv oder sehr verzweifelt – oder beides. Die versprochene Summe hätte wohl all ihre Probleme auf einen Schlag gelöst. Aber niemand war wahnsinnig genug, sich mit Ortega und seinen Männern anzulegen.

Seit die Orks mit ihren Schiffen an der Küste gelandet waren, war der Großbauer durchgedreht. Zwar hatten Lord Hagen und seine Männer den orkischen Angriff zurückschlagen können, doch waren viele der kleineren Höfe dabei zerstört worden und Ortega hatte viele Pächter verloren. Angeblich hatte er beim König persönlich Truppen zur Bewachung seiner Felder angefordert. Doch dieser hatte stattdessen auch noch Knechte Ortegas als Soldaten an die Front geschickt. Ortega hatte daraufhin verkündet, dass er sich dem König nicht länger verpflichtet fühle und selbst den Schutz der Küstenregion garantieren würde. Angeblich hatte er sogar das unabhängige Königreich Tymoris ausgerufen und sich selbst zum Herrscher der Küste erhoben. Anstatt sie jedoch zu beherrschen und zu beschützen, war er mit seinen Knechten in die Berge geflohen. Gemeinsam mit einigen Deserteuren überfielen diese Banditen nun die Bauern und plünderten auch jene Höfe, die den Orkangriff überstanden hatten. Hagen jedoch war kein zweites Mal gekommen. Der Kampf gegen Banditen erschien dem König nicht wichtig genug, nun, da Montera gefallen war und die Orks vor den Toren der Küstenregion standen. Allein die völlig überforderte Miliz schützte sie noch mehr schlecht als recht vor Ortegas Männern.

Die drei Gestalten, die das Wirtshaus betraten, rissen Magda jäh aus ihren Gedanken. Es waren Fremde. Das allein war in diesen Zeiten, da keine Reisenden oder Jäger mehr unterwegs waren, noch Schiffe auf der Fahrt nach Vengard bei Ardea anlegten, wie sie es früher getan hatten, schon seltsam genug. Doch diese Fremden wären sogar in der Glanzzeit des Schwarzen Korsaren aufgefallen.

Als erstes fiel Magdas Blick auf den glatzköpfigen Hünen mit dem dichten schwarzen Bart und den buschigen Augenbrauen. Kaum hatte er sich von dem unheimlichen Gesicht gelöst, glitt er hinab zu dem schweren Streitkolben auf dem Rücken des Mannes.

Ihre Augen, die sich geweitet hatten, während ihr Magen sich im Gegenzug verkrampft hatte, wanderten zu der Gestalt auf der linken Seite. Ein eher kleiner, schlanker Mann, dessen Degen ebenso gut zu seinem Äußeren passte, wie der Streitkolben zu dem seines Begleiters. Das weiße Hemd, die dunkle Weste, der leicht ramponierte Dreispitz und der aufwändig geflochtene Bart verliehen ihm eine Mischung aus verwegener Eleganz und exotischer Exzentrik.

Und schließlich war da der mittlere der drei. Er wäre wohl der unauffälligste in dieser Gruppe gewesen, hätten sie sich in Varant befunden. Doch sie waren nicht in Varant. Sie waren in Ardea. Und hier waren krumme Säbel und gebräunte Haut kein alltäglicher Anblick.

Die seltsame Gruppe hielt direkt auf die Theke zu. Magda blinzelte zu ihrem Mann hinüber und sah aus dem Augenwinkel, dass dieser wie versteinert hinter dem Tresen stand. Zu ihrer Erleichterung löste er sich aus seiner Starre und fragte, wenn auch mit etwas höherer Stimme als sonst: „W-was kann ich euch anbieten?“

„Rum“, brummte der Hüne.

„Du hast wohl keinen Kaktusschnaps, mein myrtanischer Freund? Natürlich nicht“, beantwortete der Varantener seine Frage selbst in einem Tonfall, als könne nur ein Narr solch eine Frage stellen. „Nun, dann wird es wohl etwas myrtanischer Schnaps tun müssen. Ich nehme an, du nimmst dasselbe, Magister?“ Der letzte Satz war an den dritten Mann gerichtet gewesen.

Dieser nickte. „Positiv.“

Mit einer ihm sonst völlig fremden Eile kam Wulf der Bestellung nach.

Magda merkte erst jetzt, dass die Schüssel, die sie gerade noch mit Suppe befüllt hatte, bereits überlief. Rasch tat sie die Kelle in den Kessel zurück, stellte die Schale ab und wischte ihre Hand an der Schürze sauber. Die Flüchtlinge warteten sicher auf ihr Essen, doch sie konnte jetzt nicht gehen. Sie hatte das Gefühl, dass ihr Mann sie brauchen würde. Zudem hatte sie viel zu viel Angst, um sich von der Stelle zu bewegen oder gar an den drei Fremden vorbei zum Ausgang zu gehen.

Längst wusste sie, wer ihnen hier die zweifelhafte Ehre erwies. Und Wulf wusste es sicherlich auch. An der ganzen Küste kannte man die Steckbriefe dieser drei und ihrer zahlreichen Kameraden.

Piraten waren sie. Piraten, deren Namen in Ardea und Kap Dun jedes Kind kannte: Moeller, genannt Hautot, Shaid, genannt der Scheich, und Goetke, genannt der Magister.

Mittlerweile hatten die drei, wonach sie bestellt hatten, und führten fast synchron die Krüge an die Lippen. Hautot leerte seinen in einem Zug. Sein varantenischer Mannschaftskamerad ließ sich mehr Zeit. Und Goetke setzte seinen schon nach einem Zug ab. Mit angewidertem Gesicht sagte er: „Miserables Destillat.“

Deutlich sah sie ihren Mann bei diesen Worten zusammenzucken. Seine Augen blitzten zu dem Degen des Piraten. Doch Shaid machte eine beruhigende Handbewegung. „Hab keine Furcht, Vater der Sorge, wir sind nicht deinetwegen hier.“

Goetke nickte. „Unsere Präsenz mag beunruhigend sein, ist aber nur temporär.“

Schweigend lehnten die drei Männer an der Theke. Während Moeller Wulf durchdringend anstarrte und der Magister ins Leere schaute, ließ Shaid seinen Blick durch den Raum schweifen. Für den Bruchteil einer Sekunde musterte er auch Magda. Obwohl er seine Augen sofort weiterwandern ließ, spürte sie einen kalten Schauer ihren Rücken hinunterlaufen. Dieser Varantener wirkte so völlig anders als jeder andere Pirat. Etwas Melancholisches lag in seinem Blick. Etwas, das so gar nicht zu einem Seeräuber passen wollte. Und das war es, was ihn so unheimlich machte, selbst neben den beiden anderen Männern.

„Ich supponiere, dass es hier einen Mann namens Marlo gibt?“, meldete sich Goetke zu Wort.

„Marlo? Ich kenne keinen Marlo!“, antwortete Wulf hastig, während er sich mit einem Lappen über die Stirn wischte, den er gewöhnlich zum Reinigen seiner Humpen nutzte.

„Der inkriminierte Herr ist im Handelsgewerbe tätig und hält sich hier in Tymoris auf.“

„I-ich w-weiß wirklich nicht…“

„Lass gut sein, Magister“, brummte Moeller. „Zeitverschwendung.“

„Vielleicht kennst du ja jemanden, der uns weiterhelfen könnte“, mischte der Scheich sich ein. „Jemanden, der ebenfalls… Händler ist.“

„Ähm… da… da ist Garvin. Er… er verwaltet das Lagerhaus. Direkt links neben der Tür. Er…“

„Danke, Sohn der freundlichen Auskunft. Das genügt uns.“ Shaid winkte seine beiden Kumpanen hinter sich her und gemeinsam verließen sie den Schwarzen Korsaren.

Es dauerte einen kurzen Moment, ehe Magda sich wieder bewegen konnte und sich ihre Haltung langsam entspannte. Sie trat an ihren Mann heran und drückte ihm die schwitzende Hand. „Jetzt auch noch Piraten“, murmelte Wulf.

Ja, jetzt auch noch Piraten. Bisher hatten sie alle geglaubt, die orkische Galeeren hätten wenigstens ein Gutes und hätten die Küstenregion zumindest von dieser Geißel befreit.

Als Magda einige Minuten später mit einem halben Dutzend Schalen voller Suppe nach draußen trat, um sie den Flüchtlingen zu bringen, sah sie die Seeräuber vor dem Lagerhaus stehen und mit dem sichtlich verängstigten Lagermeister sprechen.

„Die Mine im Wald“, hörte sie Garvin sagen. „Dort hat er sich versteckt und wickelt jetzt seine Geschäfte ab.“

„Reddocks altes Versteck?“ Shaid strich sich versonnen durch den Bart. „Ich dachte, das wäre seit dem großen Krieg mit meiner Heimat verlassen.“

„War es auch. Aber ich sage euch, er ist dort!“

Magda beschleunigte ihre Schritte. Sie wollte sich gar nicht ausmalen, was ihr blühte, wenn die Piraten sie beim Lauschen erwischen würden.

Sie seufzte, als sie die Treppe zum Schlafsaal hinaufstieg und blickte sorgenvoll zum Horizont. Die Orks waren nicht mehr weit entfernt, der Großbauer plünderte die Höfe aus, und nun waren auch noch die Piraten zurückgekehrt. „Innos, was soll nur aus uns werden?“

 

Und zum Abschluss zeigen wir euch noch die drei Piraten, die ihr (wie auch jeden anderen NPC, der in dieser Geschichte auftritt), selbstverständlich auch im fertigen CSP treffen werdet.

Moeller

Moeller

Goetke

Goetke

Shaid

Shaid

Tags